Wir lauschen nun seit 15 Jahren dieser neuen, großen Erzählung namens Internet. Doch wir lauschten nicht nur. Wir wurden unter der Hand zunehmend Akteure in diesem Netz, das kein Zentrum hat, Rhizom-artig sich verfranst und mittlerweile jeden kleinsten Winkel unseres Daseins besetzt. Das neue Web, von dem alle sprechen, ist keine Welt der Repräsentation mehr, in der versucht wird, die physische Realität digital nachzubauen. Sie hat längst ihr eigens Bezugssystem geschaffen, ein chaotisches Netz aus Bezügen und Links, das wie ein doppelter Boden den Zugang zum Grund vereitelt.
”Get connected” ist die mythische Aufforderung unserer Tage, in der sich der Traum einer neuen Einheit selbst erzählt. Anders jedoch als beim klassischen Mythos, in dem Sprache noch magisch mit den Dingen verwoben war, ist hier von einer Einheit die Rede, die versucht, dem in der Medienvielfalt einheitsstiftenden globalen Netzwerk aus Computern, Anwendungen und Menschen eine soziale Utopie unterzujubeln. Dabei vergessen wir allzu leicht, dass es sich dabei immer noch um eine Erzählung von einer zukünftigen Welt handelt, die zum Mythos wird, sobald sie so tut, als hätte sie bereits stattgefunden.
Wir leben nach wir in einer Frühscheinzeit,
wie Peter Glaser es einmal nannte. Und wir sind – immer noch und immer mehr – getriebene Hunde der Versprechen, die jeder neue Link bereithält. Wir suchen unser Heil in der Bewegung und messen die Qualität eines Blogs an den Links, die es bereithält, um schnell wieder von ihm fortzukommen.
Durch den Scan-Modus, den wir als Blog-Nomaden (und Content-Engines) uns angeeignet haben und den wir als Twitter-Maniacs (und Distribution-Engines) perfektionierten, schaffen wir es, aberwitzige Informationsmengen zu überfliegen. Und vergessen dabei im Rausch des Scannens und Weiterleitens allzu leicht auf den alten und etwas schwerfälligen Lektüre-Modus,
auf das Hinterzimmer, in das wir uns zurückziehen, wenn wir nach Tiefe suchen. Das Web 2.0 ist wie eine Stadt ohne Hinterhöfe, ein Haus ohne Hinterzimmer. Ein Haus, in dem aus jedem Fenster eine Fahne hängt. Weil wir die Öffentlichkeit brauchen, um uns unserer Existenz zu versichern, lastet die Privatheit wie ein Fluch auf uns.
Denn wir wollen alles sein, nur keine
fensterlosen Monaden. Nur nicht Offline. Deshalb verbinden wir uns. Deshalb verlinken wir. Weil uns das Netz auffängt. Und jeden Tag aufs Neue das Gefühl gibt, nicht allein zu sein.
Dieser Text ist ein Beitrag gedacht zur
BLÖGGER Blog Parade zum Thema “Link Kultur”.
Und hier noch nachträglich eine
Liste aller Beiträge und Auszüge daraus.
coyote05 - 28. Jan, 11:00