Der Sog der Tiefe ...

Wir blicken zurück. Wir schauen nach vorne. Wir drehen und wenden uns, dass es schwindlig macht. Daten, Prognosen, Zahlen, Tragödien, Krisen, Erfolge, Höhepunkte. Eine Welt im Superlativ. Das war 2012. Das wird 2013 sein. Alles groß. Aber wie? Aber was?

Dass es dazu die passende Facebook-App gibt, wundert niemanden, der sich noch wundern kann. Dabei stellt sich als einzig dringliche Frage, was aus uns schattenlosen Wesen wird, wenn wir an allen Ecken und Enden erschlossen reine Oberfläche geworden sind.

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Jean-Philipp Toussaint beantwortet sie mit einem Versuch über die Dringlichkeit beim Schreiben, aus dem ich hier zitiere ...

"Die Dringlichkeit, so wie ich sie begreife, ist nicht vegleichbar mit der Inspiration. Den Unterschied macht, dass die Inspiration empfangen wird, während man sich die Dringlichkeit aneignen muss. Im Mythos der Inspiration steckt eine Passivität, die mir nicht gefällt, bei der der Dichter Spielball einer äußeren Gnade ist, eines Gottes oder der Natur, die sich auf seine unschuldige Stirn herniederlässt.

Nein, die Dringlichkeit ist kein Geschenk, sie ist eine Sache, die man durch Kraftanstrengung gewinnt, sie bildet sich erst durch Arbeit, man muss auf sie zugehen, in ihr Territorium eindringen. Denn in der Tat existiert dieses Territorium der Dringlichkeit, es ist ein abstrakter, metaphorischer Ort, irgendwo im Inneren gelegen, der sich eine, nur nach einem langen Weg eröffnet. Man muss sich versenken, tief abtauchen, sehr tief, um dort anzukommen, Luft holen und runter, die Welt und den Alltag hinter sich lassen, in das in Arbeit befindliche Buch hinuntersteigen wie auf den Grund eines Ozeans.

Man erreicht diesen Grund nicht sofort, es gibt Etappen, Dekompressionszonen. In den ersten Stadien des Abstiegs ahnt man noch die sichtbare Welt über sich, man kann sie noch sehen, man kann sich noch von ihr beeinflussen lassen, weil man noch nicht tief genug herabgestiegen ist, man muss noch tiefer gehen, darf nicht aufgeben. Ab einhundertdreißig Metern sieht man so gut wie nichts mehr, man beginnt, neue Schatten zu erraten, die Erinnerung an wirkliche Personen verschwimmt, fiktive Wesen erscheinen und umkreisen uns, ein Schwarm von lebenden Mikroorganismen verschiedenster Größe und Form. Wir befinden uns jetzt in einer verwirrenden Welt, zwischen Realität und Fiktion. Wir gehen noch tiefer, und hier, jenseits der zweihundert Meter, dringt kein einziger Lichtsstrahl mehr zu uns. Jetzt haben wir das Territorium der Dringlichkeit erreicht, die Welt der Untiefen, mehr als dreihundert Quadratkilometer Finsternis und Stille, wo ein ungeheurer Druck herrscht und blinde Präsenzen rasch zunehmen, winzige Potentialitäten eines Lebens in ständiger Veränderung.

Jetzt sind wir angekommen, das ist die richtige Tiefe, jetzt haben wir den nötigen Abstand, die ideale Distanz, um die Welt wiederherzustellen, um in diesen Tiefen des Schreibens alles, was wir an der Oberfläche aufgenommen haben, wieder neu zu übertragen. Hier - im Herzen der Dringlichkeit - kommt alles mühelos, alles befreit sich und löst sich, der Blick auf die Wirklichkeit ist uns von keinem Nutzen mehr, aber das innere Auge weitet sich und eine wunderbare Welt der Vorstellung eröffnet sich uns im Geist, unsere Wahrnehmungen liegen auf der Lauer, die Sinne sind geschärft, die Sensitivität ist übersteigert, und das Umschalten funktioniert, es ist ein Funkensprühen, alles kommt, Sätze werden geboren, fließen dahin, stoßen aneinander, und alles stimmt, alles fügt sich ineinander, verknüpft sich, kommt zusammen in diesem intimen Dunkel, das im Innern unseres Geistes herrscht. Aber ein Nichts, ein Körnchen Staub, etwas Unvorhergesehenes kann diesen Prozess stören und uns wieder an die Oberfläche zurückbringen - weil die Dringlichkeit fragil ist und sich jeden Moment verflüchtigen kann."


Jean-Philipp Toussaint: Die Dringlichkeit und die Geduld. Versuch über das Schreiben und seine Begleitumstände, in: Volltext. Zeitung für Literatur, N4. 4 / 2012

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