“In the long run the medium´s content matters less than the medium itself influencing how we think and act”.
Dieser Satz von
Marshall McLuhan aus seinem 1964 erschienenen Buch „Understanding Media. The Extensions of man“ ist für mich der Einstieg in die Debatte, von
TwentyTwenty, über „die Zukunft digitaler Identitäten“.
Denn die darin vermittelte Einsicht wird zugedeckt durch einen anderen Satz, der prägnanter, berühmter, jedoch leider auch viel missverständlicher ist: „The medium is the message“ tönt es von überall, wenig durchdacht und zumeist als bewusstloses Echo einer nie stattgefundenen Lektüre, das zwischen den Wänden unseres vermeintlichen Denkens hallt.
Denn wir tun so, als ob wir McLuhan gelesen und verstanden hätten und fahren gleichzeitig damit fort, rein inhaltlich über neue Medien zu diskutieren. Als hätte die Art und Weise, wie wir ein Medium einsetzen, damit zu tun, was es aus uns macht.
Was McLuhan von dieser Art der Medienkritik hält, sagt er uns unmissverständlich:
„Our conventional response to all media, namely that it is how they are used that counts, is the numb stance of the technological idiot. The content of a medium is just the juicy piece of meat carried by the burglar to distract the watchdog of the mind.”

Jetzt gibt es also TwentyTwenty – ein Nachdenken darüber, wie unsere Welt in 10 Jahren ausschauen wird. Vieles ist ungewiss. Aber vieles scheint auch common sense, auf den man sich geeinigt hat. Zum Beispiel, dass man sich über jede Art des „Schirrmacherns“ lustig macht, also über jede Art der Kritik, die sich nicht damit zufrieden gibt, affirmativ und innerhalb der technokratischen Web 2.0 Kultur Minimaldifferenzen abzuarbeiten, sondern von außen kommt, technologiekritisch vielleicht und altmodisch – aber doch nicht einfach mit der gedankenverlorenen Geste eines sozialen Cheerleaders von der Hand zu weisen.
Technokratische Kultur! Ich höre den Aufschrei. Ja, technokratische Kultur- und Wertegemeinschaft. Bevor wir nach vorne schauen, sollten wir uns erinnern.
„The art of remembering is the art of thinking“, schrieb
William James 1892.
Dahinter steht die Vorstellung, dass unser Gedächtnis identitäts- und persönlichkeitsstiftend, und deshalb etwas zutiefst Menschliches ist. Unser Denken braucht Ruhe UND Ablenkung, wenn es sich entwickeln soll. Die Ablenkung haben wir zur Genüge. Nur die Ruhe fehlt immer mehr und mit ihr eine Lektüre mit Tiefgang. Anstatt zu lesen scrollen und scannen wir. Das ist durchaus eine neue und interessante Kulturfertigkeit. Nur, wir entwickeln sie auf Kosten anderer Vermögen.
Die Vielzahl alternativer Information in Gestalt von Hyperlinks hält uns während der Lektüre im Entscheidungsmodus gefangen. Kein Zurücklehnen. Keine Kontemplation, die für die Entstehung des Langzeitgedächtnisses entscheidend wäre. Wo sind sie, die nachhaltigen Erinnerungen? Sie verschwinden. Und weil wir uns nichts mehr merken können, haben wir begonnen, unser Gedächtnis ins Web auszulagern, das ohnehin – so die ideologische Analogie dahinter – wie eine Festplatte funktioniert. Wir tun dies, um Platz zu schaffen. Doch Platz wofür?
Wir werden uns anpassen, zweifellos. Unser Gehirn und unser Denken ist in dieser Hinsicht unerreicht. Aber ist Anpassung in jedem Fall das erwünschte Ergebnis?
"Our mental adaptibility to technology, built into the deepest workings of our brains, is a keynote of intellectual history. Adaption leaves us better suited to our circumstances, but qualitatively it´s a neutral process.
What matters in the end is not our becoming but what we become.
`The frenziedness of technology`, as Heidegger wrote, threatens to `entrench itself everywhere`. It may be that we are now entering the final stage of this entrenchment. We are welcoming the frenziedness into our souls."
Mit diesen Worten schließt
Nicholas Carr sein bahnbrechendes Werk
"The Shalllows“ – eine Pflichtlektüre, um bis 2020 nicht den Kopf zu verlieren.
coyote05 - 28. Sep, 11:29